Logopädie-Blog · Aussprache
Kind lispelt: Ab wann ist Logopädie sinnvoll?

Aus der „Sonne“ wird eine „Thonne“, aus „Suppe“ wird „Thuppe“. Die Großeltern finden es süß und sagen: Das wächst sich aus. Und trotzdem fragen Sie sich: Wächst sich das wirklich von allein aus, oder sollten wir etwas tun?
Ich bin seit 1995 Logopädin und habe einen Schwerpunkt auf Mundfunktion, also auf dem Zusammenspiel von Zunge, Lippen und Atmung. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Formen des Lispelns es gibt, wann Sie es abklären lassen sollten und was Sie zu Hause tun können.
Was ist Lispeln?
Beim Lispeln klingt das S nicht klar, weil die Zunge nicht an der richtigen Stelle ist. Fachleute sprechen von einem Sigmatismus. Oft ist auch das Z betroffen, manchmal das Sch.
Die häufigsten Formen:
- Zunge zwischen den Zähnen (interdental): Das S klingt wie das englische „th“. Das ist die bekannteste Form.
- Zunge an den Zähnen (addental): Die Zunge drückt gegen die oberen Schneidezähne, das S klingt dumpf und unscharf.
- Seitliches Lispeln (lateral): Die Luft entweicht seitlich an der Zunge vorbei. Das S klingt „feucht“, schlürfend oder zischend.
Ab wann ist Lispeln nicht mehr normal?
Das S gehört zu den Lauten, die Kinder schon recht früh lernen, meist im dritten Lebensjahr. Lispeln ist deshalb keine Phase, die einfach dazugehört. Und es verschwindet nur selten ganz von allein. Manchmal bessert es sich mit dem Zahnwechsel, oft bleibt es aber bestehen, wenn niemand daran arbeitet.
Meine Empfehlung aus der Praxis:
- Spätestens ab etwa fünf Jahren sollten Sie es anschauen lassen, wenn Ihr Kind noch lispelt.
- Früher, sobald es Ihnen auffällt, wenn der Mund oft offen steht, die Zunge beim Schlucken nach vorne drückt oder Ihr Kind seitlich lispelt. Dann geht es meist um mehr als nur das S.
- Am besten sitzt das S vor der Einschulung, denn es hilft auch beim Lesen- und Schreibenlernen. Spätestens nach dem Zahnwechsel der vorderen Schneidezähne sollte es klar klingen.
- Wenn Ihr Kind sich wegen seiner Aussprache schämt oder gehänselt wird, ist das immer ein guter Grund, nicht länger zu warten.
Warum lispelt ein Kind?
Lispeln ist oft mehr als ein Aussprachefehler. Häufig zeigt es, dass Zunge und Lippen nicht gut zusammenarbeiten. Deshalb schaue ich mir bei Kindern, die lispeln, immer auch die Mundfunktion an.
Häufige Gründe:
- Die Zunge liegt in Ruhe falsch. Eigentlich liegt die Zunge oben am Gaumen, direkt hinter den oberen Schneidezähnen. Liegt sie vorne oder unten im Mund, rutscht sie auch beim Sprechen nach vorne.
- Offener Mund und Mundatmung. Wer viel durch den Mund atmet, hat die Zunge meist zu weit unten. Mehr dazu im Ratgeber Mundatmung beim Kind.
- Schnuller, Daumen und Nuckelflasche. Werden sie lange und viel genutzt, gewöhnt sich die Zunge an eine Lage zwischen den Zähnen.
- Zahnstellung und Zahnwechsel. Ein offener Biss oder Lücken im Milchgebiss machen es schwerer, ein klares S zu bilden.
- Ein kurzes Zungenband kann die Zunge in ihrer Bewegung einschränken. Nicht jedes kurze Zungenband muss aber durchtrennt werden. Entscheidend ist, wie gut die Zunge funktioniert. Mehr dazu unter Myofunktionelle Therapie & Zungenband.
- Das Hören. Das S ist ein sehr hoher Laut. Wenn ein Kind hohe Töne schlecht hört, kann es das S auch schlecht nachahmen. Bei Unsicherheit sollte das Gehör überprüft werden.
Was hilft in der Therapie?
Zuerst kommt die Mundfunktion. Wenn die Zunge in Ruhe und beim Schlucken nach vorne drückt, wird das S nach der Therapie schnell wieder unklar. Deshalb üben wir zuerst die richtige Zungenruhelage, den Mundschluss und das Schlucken, spielerisch mit Strohhalm, Salzstange und Pustespielen.

Dann kommt das S. Wir üben den Laut zuerst allein, dann in Silben und Wörtern, später in Sätzen und beim freien Erzählen. Damit das gelingt, braucht es Spiele, bei denen Kinder ganz von selbst sprechen wollen.
Trägt Ihr Kind eine Zahnspange oder bekommt bald eine, ist die Zusammenarbeit mit Zahnarzt und Kieferorthopäde wichtig. Die Therapie unterstützt dann auch, dass das Ergebnis der Zahnspange stabil bleibt.
Was Sie zu Hause tun können
- Nicht korrigieren, sondern richtig wiederholen. Sagt Ihr Kind „Thonne“, antworten Sie: „Ja, die Sonne scheint heute.“ So hört es das richtige S, ohne sich kritisiert zu fühlen.
- Das Lispeln nicht nachmachen, auch wenn es niedlich klingt.
- Schnuller rechtzeitig abgewöhnen: Nach dem ersten Geburtstag nur noch zum Einschlafen, und im zweiten Lebensjahr nach und nach ganz abgewöhnen. Das gilt auch für Daumen und Nuckelflasche.
- Pusten und saugen: Seifenblasen, Wattebälle pusten, mit dem Strohhalm trinken. Das stärkt Lippen und Zunge ganz nebenbei.
- Gemeinsam spielen und erzählen. Je mehr Ihr Kind spricht, desto mehr kann es üben.
Spiele rund um das S zum Ausdrucken gibt es übrigens in meinem Etsy-Shop.
Wichtig: Diese Tipps unterstützen die Entwicklung, ersetzen aber keine Therapie, wenn sich das Lispeln festgesetzt hat.
Logopädie in Kaufbeuren oder per Video
Für eine Therapie brauchen Sie eine ärztliche Verordnung. Sie bekommen sie vom Kinderarzt, aber auch Zahnarzt oder Kieferorthopäde können Logopädie verordnen. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren fällt keine Zuzahlung an.
Nach dem ersten Termin in meiner Praxis in Kaufbeuren lassen sich Ausspracheübungen auch gut per Video fortsetzen, wenn ein Elternteil dabei ist. Wie das abläuft, lesen Sie im Ratgeber Logopädie online. Wenn Sie sich zuerst nur einen fachlichen Rat wünschen, ist auch eine Online-Elternberatung ohne Verordnung möglich, auch aus Österreich und der Schweiz.
Häufige Fragen
Wächst sich Lispeln von allein aus?
Selten. Manchmal bessert es sich mit dem Zahnwechsel. Meist bleibt es aber bestehen, besonders wenn die Zunge auch in Ruhe und beim Schlucken nach vorne drückt.
Mein Kind ist vier und lispelt. Muss ich etwas tun?
Lassen Sie es anschauen, vor allem wenn der Mund oft offen steht oder die Zunge beim Schlucken nach vorne drückt. Lispeln wächst sich selten von allein aus, und an der Mundfunktion lässt sich in diesem Alter gut spielerisch arbeiten.
Ist seitliches Lispeln anders?
Ja. Seitliches Lispeln ist meist hartnäckiger und verschwindet selten von selbst. Deshalb sollte es früh von einer Logopädin angeschaut werden.
Kann ein Schnuller Lispeln verursachen?
Er kann dazu beitragen. Wird er lange und viel genutzt, gewöhnt sich die Zunge an eine Lage zwischen den Zähnen, und die Zahnstellung kann sich verändern. Deshalb empfehle ich, den Schnuller im zweiten Lebensjahr abzugewöhnen.
Wie lange dauert eine Therapie bei Lispeln?
Das ist sehr unterschiedlich. Wenn auch die Mundfunktion geübt werden muss, dauert es meist länger. Regelmäßiges Üben zu Hause, täglich ein paar Minuten, macht den größten Unterschied.
Zahlt die Krankenkasse?
Ja, mit ärztlicher Verordnung. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gibt es keine Zuzahlung.

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