Logopädie-Blog · Myofunktionelle Therapie
Mundatmung beim Kind: Warum der offene Mund mehr ist als eine Angewohnheit

Beim Spielen, vor dem Fernseher, beim Einschlafen: Der Mund Ihres Kindes steht oft offen? Das wirkt harmlos. Doch dahinter steckt häufig mehr als eine Angewohnheit. Denn wer dauerhaft durch den Mund atmet, verändert, wie Zunge, Lippen und Kiefer zusammenarbeiten.
Natürlich ist die Atmung durch die Nase. Die Mundatmung ist eigentlich nur für Ausnahmen gedacht, etwa beim Sport oder bei einer verstopften Nase. Wird sie zur Gewohnheit, spreche ich von einer orofazialen Dysfunktion. Das ist ein Ungleichgewicht der Muskeln im Mund- und Gesichtsbereich. Hier erfahren Sie, woran Sie Mundatmung erkennen, was sie verändern kann und was hilft.
Woran erkennen Sie Mundatmung?
- Der Mund steht tagsüber oft offen, auch in Ruhe.
- Die Lippen sind häufig trocken oder rissig.
- Ihr Kind schnarcht oder schläft mit offenem Mund.
- Morgens ist das Kopfkissen feucht.
- Ihr Kind wirkt morgens müde, obwohl es lange geschlafen hat.
- Die Zunge ist zwischen den Zähnen zu sehen, beim Sprechen oder Schlucken.
- S-Laute klingen gelispelt.
Einzelne Punkte sind noch kein Grund zur Sorge. Treffen aber mehrere zu, lohnt sich ein genauerer Blick.
Warum die Nase so wichtig ist
Die Nase ist weit mehr als ein Luftkanal. Sie filtert Staub und Keime, wärmt die Luft an und befeuchtet sie, bevor sie in Rachen und Lunge gelangt. Zudem bilden die Nasennebenhöhlen Stickstoffmonoxid, das mit der Atemluft in die Lunge strömt. Studien deuten darauf hin, dass dies die Sauerstoffaufnahme in der Lunge unterstützt.
Genauso wichtig ist, was im Mund passiert: Bei der Nasenatmung sind die Lippen geschlossen, und die Zunge liegt in ihrer natürlichen Ruhelage, also oben am Gaumen, direkt hinter den oberen Schneidezähnen. Von dort formt sie mit sanftem, stetigem Druck den Gaumen und den Oberkiefer.
Was Mundatmung verändern kann
Die Zunge liegt unten. Bei offenem Mund kann die Zunge nicht am Gaumen ruhen. Sie liegt stattdessen flach im Mundboden oder vorn an den Zähnen.
Kiefer und Zähne. Fehlt der Druck der Zunge von innen, kann der Oberkiefer schmal bleiben, und die Zähne haben weniger Platz. Bei Kindern, die durch den Mund atmen, werden Zahnfehlstellungen wie ein Kreuzbiss oder ein offener Biss häufiger beobachtet. Oft kommt ein falsches Schluckmuster dazu: Die Zunge drückt bei jedem Schlucken gegen oder zwischen die Zähne, und das viele hundert Mal am Tag.

Mundgesundheit. Durch den offenen Mund trocknet die Mundschleimhaut aus. Speichel schützt aber Zähne und Zahnfleisch. Bei Mundatmern finden sich häufiger Zahnbeläge und Zahnfleischentzündungen, und ein erhöhtes Kariesrisiko wird diskutiert.
Schlaf und Konzentration. Mundatmung tritt oft zusammen mit Schnarchen und unruhigem Schlaf auf. Wer nachts nicht erholsam schläft, ist tagsüber schneller müde und unkonzentriert.
Aussprache. Liegt die Zunge gewohnheitsmäßig vorn, rutscht sie auch beim Sprechen leicht zwischen die Zähne. Typisch ist dann ein Lispeln bei S, Z und X.
Nicht jedes Kind mit offenem Mund entwickelt diese Folgen. Die Forschung zeigt deutliche Zusammenhänge, aber nicht in jedem Einzelfall Ursache und Wirkung. Deshalb ist eine genaue Einschätzung wichtig, statt sich Sorgen zu machen.
Erst die Ursache abklären
Bevor wir mit Übungen beginnen, muss klar sein: Kann Ihr Kind überhaupt gut durch die Nase atmen? Ob die Nase frei ist, klärt Ihr Kinderarzt oder HNO-Arzt. Ist die Nase frei, die Mundatmung aber zur Gewohnheit geworden, setzt die Logopädie an.
Oft arbeiten dabei mehrere Fachleute zusammen: Kinderarzt, HNO-Arzt, Zahnarzt, Kieferorthopäde und Logopädin. So greift jeder Schritt in den nächsten.
So hilft die myofunktionelle Therapie
In der myofunktionellen Therapie (MFT) trainieren wir das Zusammenspiel von Lippen, Zunge, Wangen und Atmung. Ziel ist, dass Ihr Kind die richtige Haltung nicht nur in der Therapiestunde schafft, sondern ganz automatisch im Alltag:
- Lippenschluss: Kraft und Ausdauer der Lippen aufbauen.
- Zungenruhelage: Die Zunge findet ihren Platz oben am Gaumen.
- Nasenatmung: bewusst wahrnehmen und zur Gewohnheit machen.
- Schluckmuster: Schlucken, ohne dass die Zunge gegen die Zähne drückt.
Das Üben ist spielerisch: eine Salzstange nur mit den Lippen halten, mit dem Strohhalm ansaugen, pusten, balancieren. Ein paar Ideen sehen Sie in meiner Pustekiste und Übungsgalerie. Die myofunktionelle Therapie kann eine kieferorthopädische Behandlung gut begleiten. Sie setzt an der Ursache an, damit sich Zahnfehlstellungen nach der Zahnspange nicht wieder einstellen.

Was Sie zu Hause tun können
- Freundlich erinnern statt ermahnen. Ein vereinbartes Zeichen, zum Beispiel ein Antippen an die Lippen, wirkt besser als ständiges „Mach den Mund zu!“.
- Mit dem Strohhalm trinken. Das stärkt die Lippen ganz nebenbei.
- Pustespiele. Seifenblasen, Wattebälle über den Tisch pusten, mit dem Strohhalm Farbe pusten.
- Kräftig kauen. Apfelstücke, Karotten oder Brotrinde fordern Kiefer und Zunge.
- Nase putzen lernen. Eine freie Nase ist die Grundlage.
- Den Schnuller rechtzeitig abgewöhnen. Er hält Zunge und Lippen in einer ungünstigen Position.
- Ruhige Momente nutzen. Beim Vorlesen oder Fernsehen gemeinsam auf geschlossene Lippen achten.
Diese Tipps ersetzen keine Therapie, sie unterstützen sie aber gut. Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Kind Unterstützung braucht, berate ich Sie gern, auch per Online-Elternberatung.
Häufige Fragen
Wächst sich Mundatmung von allein aus?
Manchmal, etwa wenn sie nur während einer Erkältung auftritt. Hat sich die Mundatmung aber als Gewohnheit festgesetzt, bleibt sie oft bestehen, auch wenn die Nase längst wieder frei ist. Dann lohnt es sich, gezielt daran zu arbeiten.
Ab welchem Alter ist eine myofunktionelle Therapie sinnvoll?
Meist ab etwa vier bis fünf Jahren, wenn Kinder gut mitmachen können. Eine Beratung ist schon früher möglich. Auch Jugendliche und Erwachsene können die Therapie machen, zum Beispiel begleitend zur Zahnspange.
Brauche ich eine Verordnung?
Für die Therapie über die Krankenkasse brauchen Sie eine Heilmittelverordnung. Diese stellen zum Beispiel Kinderarzt, Zahnarzt oder Kieferorthopäde aus.
Reicht es, mein Kind ans Mundschließen zu erinnern?
Freundliche Erinnerungen sind gut, ändern aber selten etwas auf Dauer. Damit der Mund von selbst geschlossen bleibt, brauchen Lippen und Zunge Kraft und eine neue Gewohnheit. Genau das trainieren wir in der Therapie.
Ihr nächster Schritt
Sie erkennen Ihr Kind in diesem Artikel wieder? Rufen Sie mich an. In meiner Praxis in Kaufbeuren schaue ich mir Mundschluss, Zungenlage, Schlucken und Atmung genau an und sage Ihnen ehrlich, ob eine Therapie sinnvoll ist.

Diesen Artikel auf Pinterest merken
Speichern Sie den Beitrag auf Ihrer Pinnwand, dann finden Sie ihn jederzeit wieder.
📌 Auf Pinterest merken
